Vor wenigen Tagen war ich bei einem von der Wirtschaftskammer organisierten Vortrag in Wiener Neustadt, bei dem Damian Izdebski sein Buch präsentierte und über seine „besten Fehler“ sprach. Einigen wird der Name vielleicht geläufig sein, anderen nicht, jedenfalls handelt es sich um den Gründer von Di-Tech. Der österreichische Computerhändler, der 22 Filialen betrieben, 264 Mitarbeiter beschäftigt und über die Jahre hinweg Millionen Euro an Steuern und Abgaben bezahlt hatte, war 2014 pleite gegangen. Die Forderungen der Gläubiger überstiegen 35 Millionen Euro.

Izdebski sprach während seiner Ausführungen vom Aufstieg seines 1-Mann-Unternehmens zu einem Marktführer und von seinem tiefen Fall. Und er sagte mehr oder weniger wörtlich: „Wenn in den USA jemand in seinem Vorgarten arbeitet und ein anderer im Ferrari vorbeifährt, denkt er sich: In zwei Jahren will auch ich so ein Auto besitzen. Bei der gleichen Szene in Österreich denkt man sich: Hoffentlich erwischen sie ihn bald wegen eines Steuervergehens.“ Neid muss man sich verdienen, doch so einfach und schnell wie in Österreich bekommt man ihn kaum anderswo auf dem Silbertablett serviert.

Ich hörte interessiert zu, und da ich vor Jahren nicht, aber doch fast, in Konkurs gegangen war, fand ich mich in vielen Aussagen von Damian Izdebski wieder. Mir fiel auch Unternehmensberater Stefan Merath und sein Buch „Die Kunst, seine Kunden zu lieben“, ein. In diesem steht: In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es ein klassisches Double Bind. Wenn sich jemand selbstständig macht und Misserfolg hat, gilt er als Versager. Wenn er es schafft, gilt er als Arschloch. Egal, was der Selbstständige oder Unternehmer macht, in der öffentlichen Wahrnehmung [] wirkt er negativ.“

Als ich mein Unternehmen gründete, besaß ich, wenn überhaupt, überschaubare Berufserfahrung. In meinem Umfeld wird es wohl einige Personen gegeben haben, die sich fragten, was ich denn überhaupt wolle und die sich dachten, dass es ohnehin nicht so funktionieren würde, wie ich es plante. Vorstellen kann ich mir, dass es heute Menschen gibt, die einen Tesla als Firmenauto für unnötig und abgehoben ansehen und die es mit Befriedigung erfüllen würde, sähen sie mich scheitern. Mit Sicherheit käme dann auch der bekannt-berühmt-berüchtigte „Habe ich es doch immer gewusst, dass das nicht gut gehen kann“-Satz.

Ich bin ein Unternehmer, der Verantwortung für aktuell sieben Mitarbeiter trägt und ein Trailrunner, der bis dato in seiner ITRA-Wertung (das ist die offizielle Wertung aller Trailrennen) kein einziges Rennen mit einem DNF (did not finished) vermerkt hat. (Ich muss aber gestehen, dass hierbei zwei Wettbewerbe aus meinen Anfängen nicht angeführt sind – aber dazu ein anderes Mal). In meinem Leben will und darf ich, auch, um meiner selbstgewählten, selbstinszenierten #lifeworktrailbalance gerecht zu werden, nicht versagen. Wenn ich einen etwas genaueren Blick auf mein Tun werfe, muss ich schlucken. Da ist schon großer Druck vorhanden.

Aber: Scheitern gehört zum Leben. Beziehungen gehen auseinander, Freizeit- und Profi-Spiele werden verloren, berufliche Aufgaben unzureichend erfüllt. Es gibt das Peter-Prinzip und Murphy’s Law. Die Möglichkeit, Ziele nicht zu erreichen steigt proportional zur Länge und/oder Schwierigkeit des zu beschreitenden Wegs. Ein 5- oder 10-km-Lauf ist bald einmal ins Ziel gebracht, ein 100-Kilometer- oder 100-Meilen-Ultra weniger schnell. Klingt logisch.

Im Sport erlebe ich allerdings, dass Versagen nicht mit Schadenfreude, sondern hauptsächlich mit Anerkennung wahrgenommen bzw. kommentiert wird. „Es war eine richtige Entscheidung, aufzuhören“, lese ich dann in den sozialen Medien, „Gesundheit geht vor“, „beim nächsten Mal klappt es sicher“.

Wer schon das Ziel nicht erreicht, der wird erfahrener und reifer von einem Ultra-Rennen nach Hause zurückkehren. Die Versagenskultur, die im Massensport existiert, gepflegt und zuweilen übertrieben wird, würde bis zu einem gewissen Grad auch dem heimischen Unternehmertum gut tun – vor allem einem jungen Unternehmer, der gerade sein erstes Start-Up in den Sand gesetzt hat, würde wahrscheinlich ein aufmunterndes, vertrauensvolles „beim nächsten Mal klappt es sicher“ besser tun, als ein höhnischer, nutzloser Kommentar.

Izdebski hat übrigens ein neues Unternehmen gegründete, Techbold, und beginnt wieder bei den Wurzeln. Es scheint, als ob er aus seinen Fehlern gelernt hat, er findet und erfindet sich wieder neu.

Das ist smarter. Das verdient Respekt.

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Martin Zach
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