„Schatz, könntest Du mir bitte Geld nach Wien bringen?“ Das Flehen in meiner Stimme musste meiner Freundin Julia zu verstehen gegeben haben, wie unangenehm mir die aktuelle Situation war. Und wie sie das war! Ich hatte eine Microsoft-Veranstaltung besucht, und stand nun, an einem Samstagnachmittag, vor dem Zahlautomaten in einem Parkhaus.
Bargeld hatte ich keines. Auf der Bankomatkarte der Firma, meiner Firma: der Smarter Business Solutions GmbH, befand sich ein zu geringer Betrag, und auf meiner privaten sah es genauso trist aus. Die Firmenkreditkarte war schon längst überzogen. Ich war sowas von pleite, dass ich nicht einmal jenen Betrag hatte, um das Auto „auszulösen“.

Ich war angepisst und verzweifelt, als ich deswegen mit meiner Freundin telefonieren musste. Ich – der Geschäftsführer, der DI(FH), der Brötchenverdiener…

Auch rückblickend gelingt es mir nicht, darüber zu lachen. Rückblickend erkenne ich lediglich, was bei einem neuen Start-up so alles daneben gehen kann. 2004 hatte ich Smarter Business Solutions gegründet, weil ich als 23-jähriger Jungspund nicht nur glaubte, alles besser zu wissen und zu können, sondern auch, weil ich mich nicht in das gedankliche und personelle Korsett einer großen Firma zwängen lassen wollte. Eine gewisse Überheblichkeit war also durchaus mit im Spiel, als ich mein eigener Chef wurde und mit Geschäftspartnern ein IT-Unternehmen ins Leben rief.

Doch mit Partnern ist es immer so eine Sache. Sie müssen nicht immer die gleichen Ziele verfolgen und haben vielleicht sogar andere Visionen. So war es auch in meinem Fall. Einer der Gesellschafter wollte einen Großkonzern aufbauen, der zweite wollte Immobilienprojekte in Kroatien entwickeln und verwirklichen, und ich wollte mich um SharePoint und unsere Kunden kümmern.

Zwar wuchsen wir ziemlich schnell, hatten unter anderem drei Großkunden im SharePoint-Bereich, die  ihrerseits mehr als 10.000 Personen beschäftigten; wir konnten uns ein Büro in Wien leisten, für das wir 4000 Euro/Monat an Miete bezahlten. Viele Selbstständige, viele kleine Unternehmer kennen wohl die Situation, dass die Firma nach außen hin gut aufgestellt scheint, doch der Inhaber am Hungertuch nagt. Allein die drei Geschäftsführer-Parkplätze und der eine Kundenparkplatz in der Tiefgarage kosteten mehr, als ich verdiente. Die Familienplanung schob ich mit der Aussage, dass das Unternehmen zuerst einmal florieren müsse, vor mich her, in einer Zeit, in der Julia, von Beruf radiologisch technische Assistentin im Krankenhaus, zum allergrößten Teil für unser gemeinsames Leben aufkam.

Think Big – 300m² Büro über der Tangente in Wien

Somit waren die ersten Jahre von Smarter Business Solutions einerseits nach Außen hin sehr erfolgreich, anderseits zutiefst enttäuschend und für mich persönlich mit sehr vielen Entbehrungen gekennzeichnet.

„Schatz, könntest du mir bitte…“

Während ich auf Julia wartete, die von Wr. Neustadt kam, gingen mir dutzende, wenn nicht hunderte Gedanken durch den Kopf. So kann es nicht weitergehen, sagte ich mir, da gibt es zu viele Dinge, die nicht passen. Ich schaffte also neue Verhältnisse, was wiederum ein jahrelang anhaltender Prozess war. Mit-Gesellschafter mussten ausbezahlt werden, 220.000 Euro Forschungsförderung mussten zurückgegeben werden. Und die Firma musste gesundgeschrumpft werden, von 20 Angestellten auf maximal vier Mitarbeiter. Aber wie sollte ich alles bewerkstelligen? Ich war ein guter SharePoint-Consultant, und die technischen Agenden in der Firma hatte ich durch viel Hartnäckigkeit ganz gut im Griff. Dass ich jedoch noch meilenweit entfernt war, ein echter und guter  Geschäftsführer zu sein, war mir innerlich durchaus bewusst.

Dies alles geschah im Jahr 2010 – kurz vor dem „verflixten“ siebten Jahr (oder gibt es dieses nur bei  Ehen?) – und just in dieser Zeit begann ich als ehemaliger Sportgymnasiast mit dem Laufen. Es sollte für Abwechslung sorgen, für einen freien Kopf, für klarere Entscheidungen.

Was ich mir bei fast jedem meiner Läufe klar vor Augen führte war unsere Mission: Smarter Business Solutions sorgt dafür, dass SharePoint erfolgreich und nachhaltig verwendet wird. Ich benötigte engagierte Mitarbeiter und überzeugte Kunden.

Noch einen zweiten wiederkehrenden Gedanken hatte ich bei meinen Läufen. Dass ich nie wieder bei meiner Frau oder jemanden anderen anrufen wollte, um 15 Euro in einer Tiefgarage meiner Wahl zu erbetteln.

2010 musste sich etwas ändern, zuerst an mir und dann an der Firma – wie das Start-Up 2.0 ausgesehen hat, erfahrt ihr im nächsten Beitrag

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