171 Kilometer und 10.300 Höhenmeter – dies sind beiden wichtigsten Zahlen des Ultra Trail Mont Blanc (UTMB), der in diesem Jahr vom 31. August bis zum 2. September ausgetragen wird. Florian Grasel ist der prominenteste österreichische Repräsentant bei diesem Mega-Event. Hier sinniert der Niederösterreicher über seinen Sport und sein Leben.

(c) David Wallmann

In rund fünf Wochen geht der Ultra Trail Mont Blanc (UTMB) in Szene, der diesjährige Hardrock 100 ist bereits Geschichte. Favorit Xavier Thevenard aus Frankreich wurde in Führung liegend disqualifiziert, weil er außerhalb eines Verpflegungspunktes Unterstützung erhalten hatte, Kilian Jornet aus Spanien war nicht dabei, es gewann Jeff Browning aus den USA. In Colorado war ich nicht am Start, ich nahm zwar bereits drei Mal an der Lotterie teil, um einen der 140 Startplätze zu erlangen, bislang hat es leider nicht geklappt.

Der Hardrock mit seinen 161,7 Kilometern und 11.000 Höhenmetern interessiert mich seit Jahren. Als ich 22 war, wollte ich in einem Urlaub in Colorado meinen ersten 4000 m hohen Berg besteigen und besorgte mir in einer Buchhandlung dafür relevante Publikationen. Es wurde der Handies Peak, auf 4284 m Seehöhe gelegen, und wie es der Zufall will, fand ich Jahre später heraus, dass dies der höchste Punkt des Hardrock ist. Vor 15 Jahren noch als Tagestour nur diesen Gipfel erklommen und jetzt im Rahmen eines 100-Meilen-Rennens „drüberlaufen“ wollen – wie sich doch in den letzten Jahren meine Grenzen verschoben haben!

Hardrock 100 ist aufgrund der größeren Anzahl von Höhenmetern, der durchschnittlichen Seehöhe von 3400 m und der technischen Herausforderungen schwieriger als der UTMB, und ihn zu bestreiten wäre ein weiterer Meilenstein eines Sportlerlebens, das seinen Anfang mit Marathonläufen und Ironman-Beewerben nahm und nunmehr auf Distanzen bis 100 Meilen fokussiert ist. Diese Ultra-Distanzen sind ideal für mich, in diesen möchte ich mich weiterentwickeln und schneller werden. Sollte ich den Eindruck gewinnen, zu stagnieren, dann würde mich wohl an längere Strecken herantasten. Einmal durch Österreich zu laufen, nonstop, mit kürzesten Schlafpausen, wäre ein Traum von mir – um zu erfahren, wie weit ich komme und wie mein Körper darauf reagieren würde.

Unterwegs sein, die Natur genießen, im Tun aufgehen, zu sehen, wie weit die Füße mich tragen und der Körper mich bringen kann: Selbsterfahrung ist meine größte Motivation. Doch ich wäre nicht ehrlich zu mir und zu meinem Umfeld, wenn ich nicht anfügen würde, dass bei den Bewerben auch der Leistungs- und Wettkampfgedanke vorhanden ist. Beim UTMB geht es nicht um Selbsterfahrung, sondern darum, zu zeigen, was ich kann. Und dennoch. Sollte ich beim diesjährigen UTMB 30 Stunden benötigen, würde kein Hahn nach meiner Leistung krähen, und ich hätte gelernt, dass es mit weniger Training bzw. Trainingsumstellung dann doch nicht geht. (Warum weniger Training? Hier weiterlesen!)

Ich bin kein Profi und nicht einmal ein Halbprofi, ich verdiene durch das Laufen keinen einzigen Euro. Das macht mich einerseits frei, ich bin keinem Sponsor Rechenschaft schuldig und muss nicht um Siegprämien oder Preisgelder laufen, andererseits lege ich dennoch in den sozialen Netzwerken Rechenschaft über mein Tun ab. Regt das, was ich mache, zur Nachahmung an? Wenn ja, dann wünsche ich mir, dass jene, die ich inspiriere, dem Trailrunning mit jenem Spirit begegnen, den auch ich pflege. Es geht um Sport und Gesundheit und Bewegung in der Natur. Und erst danach geht es, sich (und anderen) zu beweisen, dass man etwas kann. Den UTMB laufen wollen, weil ich es auch tue – bitte sehr, bitte gerne. Aber viele übersehen vielleicht, dass eine jahrelange Vorbereitung notwendig ist, um diese Konkurrenz zu überstehen. Geht es lediglich nur um das eigene Ego, das befriedigt werden soll, dann möchte ich niemandem Vorbild sein.

In den kommenden Wochen stehen noch die Familienreise nach Norwegen auf dem Programm, und sehr viele Läufe in meinem Trainingsressort. Als meine Frau und ich vor vier Jahren in unser neues Heim zogen, machte ich einen steilen Hügel – 111 Höhenmeter auf 500 Metern Länge – als Hausstrecke ausfindig. Zehn Mal dort hinauf, und 1.110 Hm sind bewältigt. Vor zwei Jahren schaffte ich von einem Freitag bis einem Sonntag 100 Runden, das waren (und sind) 11.100 Hm. Der Grashügel, unter dem die Alpe-Adria-Pipeline nach Schwechat verläuft, ist körperlich fordernd – 3:30 Minuten im Anstieg, wenn ich mich beeile, im Schnitt sechs Minuten für den Kilometer -, aber auch mental schwierig. Doch es gelingt mir, bei meinen Läufen abzuschalten und im Tun aufzugehen. Dann denke ich nicht mehr viel nach, mache, was ich mir vorgenommen habe, genieße den Flow und weiß, dass er wieder enden und dann wieder kommen wird. Zuweilen will ich aufhören und beiße mich doch durch und strebe wie ein Süchtiger nach Befriedigung. Ultra-Training und Ultra-Läufe bestehen aus Höhen und Tiefen und Höhen und Tiefen und so weiter.

Ich werde öfters gefragt, ob ich vielleicht stärker und besser wäre, wenn ich irgendwo in der Nähe von richtigen Bergen leben würde. Natürlich fehlt mir oft die Abwechslung, und bei Wettkämpfen geht mir auch öfters die Luft bei Anstiegen mit durchgehenden 1.500 Hm aus. Dennoch dürfte das notgedrungene Hügelintervall vom Trainingseffekt her nicht so schlecht sein. Mein 111-Hm-Hügel scheint mich mit jener mentalen Stärke auszustatten, um gegen jene zu reüssieren, die täglich 2500 Höhenmeter machen könnten, auf immer anderen Routen.

Und wenn ich 2019 oder 2020 oder 2021 beim Hardrock 100 sein werde, dann weiß ich, dass ich auch dort stark genug sein würde, um bestehen zu können.

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